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Persona 5: Wenn ein Spiel einen ganz verschluckt

Reicht ein Persona pro Jahrzehnt?

Persona 5: Wenn ein Spiel einen ganz verschluckt

Persona 5 war mein erster Kontakt mit der Welt von MegaTen. Und ich bin mir ziemlich sicher: Damit war ich nicht allein.

In Japan erschien das Spiel 2016, bei uns 2017. Fast absurd, dass wir knapp zehn Jahre später immer noch auf handfeste Informationen zu Persona 6 warten.

Ich habe Persona 5 damals 2017 nachgeholt, ein paar Monate nach dem westlichen Release. In derselben Phase kam noch ein anderes Meisterwerk bei mir an: NieR: Automata. Auch diese Reihe hatte ich vorher nie angerührt. Weder Drakengard noch das erste NieR kannte ich aus eigener Erfahrung.

Die Kritiken waren bei beiden Spielen euphorisch. Also ja: Ich habe sie mir im Abstand von wenigen Monaten beide geholt.

Zwei riesige Spiele. Zwei Einstiegstore in Welten, die bis dahin komplett außerhalb meines Blickfelds lagen.

Das richtige Wort ist: einnehmend

Wenn ich Persona 5 mit nur einem Wort beschreiben müsste, dann wäre es dieses: einnehmend.

Damit meine ich nicht nur, dass das Spiel einen mit Features, Optionen, Anpassungen und Beschäftigungen überschüttet. Klar, das tut es auch. Persona 5 steckt voller Systeme, Aktivitäten, Dungeons, Dialoge, Zeitmanagement, Kämpfe, Social Links und Alltag.

Aber wenn ich „einnehmend“ sage, meine ich etwas Emotionaleres.

Persona 5 baut eine erstaunlich starke Verbindung zum Spieler auf. Über eine große Handlung, die als erzählerisches Gerüst funktioniert und einen zuverlässig bei der Stange hält. Vor allem aber über viele kleinere, persönliche Geschichten: oft dramatisch, oft schmerzhaft, manchmal leicht, manchmal verzweifelt.

Und dann sind da natürlich sie: die Figuren.

Sie einfach nur „Figuren“ zu nennen, greift irgendwann zu kurz. Nach einer Weile werden sie zu deiner Clique. Zu Menschen, an denen du hängst, selbst wenn du mit manchen typischen Charakterzeichnungen japanischer Werke vielleicht nicht immer komplett warm wirst.

Persona 5 ist einnehmend in seinem Stil, in seinen Farben, in seinen Menüs, in seiner Musik, in seinem Rhythmus.

Es sieht gut aus. Es klingt gut. Es ist verdammt elegant.

Persona 5 ist, ganz banal gesagt, cool. Aber auf eine seltene Art: nicht, weil es krampfhaft cool wirken will, sondern weil jedes einzelne Element in dieselbe Richtung arbeitet.

Kämpfe, Dämonen und Schüleralltag

Einnehmend ist Persona 5 auch in seinem Kampfsystem.

Der dämonische Kader, das Ausnutzen von Schwächen, die Fusion der Personas, der Takt der Gefechte, der Schulalltag zwischen den Dungeon-Ausflügen, die ständigen Gespräche, der Aufbau von Beziehungen: All das greift in einer sehr präzisen Struktur ineinander.

Stellenweise rückt Persona 5 fast in die Nähe einer Visual Novel. Man redet viel, lebt viel, liest viel. Aber es ist nie bloß Text. Es ist Routine, Atmosphäre, emotionaler Aufbau.

Du gehst zur Schule, lernst, arbeitest, triffst Freunde, betrittst Paläste, kämpfst und kehrst wieder in den Alltag zurück. Genau dieser Wechsel erzeugt den Zauber.

Man „spielt“ nicht einfach eine Geschichte. Man bewohnt einen Lebensabschnitt dieser Figuren.

Nach Persona 5 war Shin Megami Tensei mein zweiter großer Kontakt mit der MegaTen-Welt.

Dort fand ich etwas anderes. Weniger warm, weniger sozial, erzählerisch weniger einladend – dafür mit einem Kampfsystem, das für mich noch einmal klarer und eleganter ist als das von Persona.

Shin Megami Tensei packt einen auf eine ganz andere Weise.

Weniger Freundeskreis, mehr metaphysischer Überlebenskampf.

Weniger Schülerleben, mehr Krieg zwischen Göttern, Dämonen und Ideen.

Und ich habe es abgöttisch geliebt.

Irgendwann verändert sich trotzdem etwas

Also: Seit Persona 5 sind fast zehn Jahre vergangen.

In der Zwischenzeit habe ich Persona 3 Reload nachgeholt, das oft als einer der besten Teile der Reihe genannt wird. Und vielleicht war genau das der Moment, in dem der Zauber ein kleines Stück weit brüchig wurde.

Persona 3 Reload gefällt mir. Ich mag das Kampfsystem, die Geschichte, die Figuren, die Atmosphäre. Trotzdem komme ich nur sehr langsam voran.

Und ich glaube, der Grund ist genau dieser: Die Persona-Formel ist unglaublich stark, aber eben auch sehr wiedererkennbar.

Persona 5, das ich weiterhin jedem ohne Wenn und Aber empfehlen würde, trifft auch deshalb so direkt ins Herz, weil man vieles zum ersten Mal erlebt.

Der erste Palast.

Die ersten Schultage.

Das erste Management der Social Links.

Die ersten Fusionen.

Der erste Kontakt mit den Dämonen.

Der erste Moment, in dem man versteht, wie diese Struktur Alltag, Dungeon Crawling, Kämpfe, Freundschaften, Musik, Stil und Erzählung zusammenhält.

Das ist ein wunderbares Räderwerk. Wunderschön. Fast perfekt.

Aber gerade deshalb entfaltet es seine größte Wucht, wenn man es zum ersten Mal sieht.

Das Problem ist nicht die Formel. Es ist die Sättigung

Ich will klar sein: Ich sage nicht, dass jedes Spiel das Rad neu erfinden muss.

Manche Formeln funktionieren, weil sie stabil, wiedererkennbar und sauber gebaut sind.

Der Punkt ist ein anderer.

Diese einnehmende Natur von Persona 5 schlägt mit voller Wucht ein, wenn man unvorbelastet in eine solche Erfahrung hineingeht. Wenn die eigene Spielebibliothek – und vor allem der mentale Platz, den man als Spieler dafür hat – irgendwann mit Persona-ähnlichen Spielen oder strukturell verwandten Atlus-Titeln gefüllt ist, verändert sich etwas.

Nicht, weil das Spiel plötzlich schlecht wäre.

Sondern weil es Raum verlangt.

Persona ist kein Spiel, das man „mal eben für eine halbe Stunde“ startet. Persona will Zeit, Aufmerksamkeit, emotionale Bereitschaft. Es will, dass man in seinen Rhythmus findet. Es will, dass man seine Routine annimmt.

In meinem Fall kam Persona 3 Reload nicht allzu lange nach Metaphor: ReFantazio. Vielleicht hat sich genau da eine gewisse Müdigkeit bemerkbar gemacht.

Keine Müdigkeit an der Qualität.

Eher eine Müdigkeit an der Architektur.

Persona 5 bleibt ein besonderes Erlebnis

Was will ich damit sagen?

Wenn ihr noch nie ein Persona gespielt habt, wird Persona 5 euch vermutlich überrollen. Ihr werdet diese einnehmende Architektur lieben, diese Fähigkeit, Systeme, Dialoge, Kämpfe und Alltag in eine einzige große emotionale Erfahrung zu verwandeln.

Wenn ihr dagegen längst in der Persona-Welt angekommen seid, euch aber ausgerechnet Teil 5 noch fehlt, ist die Sache etwas anders: Dann wird es vielleicht nicht euer erster Zusammenstoß mit der Formel sein. Trotzdem bleibt es einer der stärksten, rundesten und einprägsamsten Teile der Reihe.

Und vielleicht ist ein neues Persona alle zehn Jahre am Ende gar keine so schlechte Idee.

Denn Zeit wäscht vieles weg.

Sie wäscht Sättigung weg, Vertrautheit, Müdigkeit. Und vielleicht fühlt sich nach genügend Jahren selbst eine bekannte Architektur wieder frisch an.

Bis dahin steht eines fest.

Es leben die Phantom Thieves. Und falls ihr noch nicht dazugehört, ist jetzt ein guter Zeitpunkt, das zu ändern.

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